Ein deutscher Rentner haut auf die Trommel

Portrait

Brennende Straßenlampen und klemmende Türen, das ist in Koffis Augen ein Unding. Pünktlichkeit, Engagement und ein offenes Ohr für die Anliegen der Gemeinde. Diese typisch deutschen Eigenschaften zeichnen den 68-jährigen Rentner aus. Doch trotzdem verliert er nie seinen afrikanischen Spirit.

NRW

von Leonie N’Gom und Luisa Bomke

, 01.07.2016, 13:59 Uhr / Lesedauer: 3 min
Koffi Ametefe Ahiaba

Koffi Ametefe Ahiaba

"Herzlich Willkommen! Kommt einfach rein!“ Ein 1,60 Meter großer Mann steht in der Wohnungstür eines Hinterhofes in Wetter-Wengern. Schneeweiße kurze Haare, lichtes Deckhaar und strahlend weiße Augenbrauen wirken so kontrastvoll zu seiner braunen Haut. Der Mann in dem afrimusternen Hemd, der so erfreut und lächelnd in der Tür steht, heißt Koffi Ametefe Ahiaba, ist 68 Jahre alt und kommt aus dem Togo.

Er besteht darauf, seinen Gästen etwas anzubieten, denn das ist der Brauch und Ablehnung wird im Westen Afrikas als Beleidigung verstanden. Mit strahlenden Augen und einem breiten Grinsen erläutert er sein Handeln und der Stolz über seine Herkunft schwingt in jedem Wort mit.

Zwischen Afrikalektüre und Voodoo-Buch

Zwischen Afrikalektüre, Voodoo-Buch und Musikinstrumenten nimmt Koffi Ametefe Ahiaba auf einem schmalen und aufwendig verzierten Holzstuhl Platz. Mit Lebenslauf in der Hand wartet er auf seinen Startschuss. Top vorbereitet, ein Hauch von „typisch deutsch“. Der ältere Mann fängt nach und nach an sein Leben aufzurollen. Mit schwerem Akzent in der Stimme, benutzt er umgangssprachliche Floskeln, die man sonst aus altdeutschem Liedgut oder von seiner Großtante kennt.

So bringt er Begriffe wie ein „Seelendorf“ ganz selbstverständlich in das Gespräch ein. Er erzählt von seiner Kindheit, seinem Leben in Tsévié, seiner Geburtsstadt 30 Kilometer nördlich der togolesischen Hauptstadt Lomé und von seiner Familie. „Mein älterer Bruder verstarb im Kindesalter vor meiner Geburt. Deswegen ist mein Zweitname Ametefe, das bedeutet im biblischen Sinn: "der Platzhalter“, erzählt er voller Ehrgefühl

Der Glaube war schon sein ganzes Leben hindurch eine wichtige Stütze für den christlich erzogenen Afrikaner. Koffi führte im Togo ein einfaches Leben. Er genoss eine Schulausbildung und hatte eine feste Anstellung als Volkshochschullehrer, bevor er die Chance seines Lebens bekam: Eine Einladung nach Deutschland!

Das Ehrenamt als Leidenschaft

Sein Onkel, der Oberarzt in einem Krankenhaus in Lüdenscheid war, bot ihm seine Hilfe für einen Neuanfang an. Mit seinem Ziel vor Augen, scheute er sich nicht jegliche Jobs anzunehmen, um den Schritt in Richtung Deutschland wagen zu können. „Ich hatte kein Geld. Ich musste immer jobben. Ich machte Kunstarbeiten, arbeitete als Bauhelfer und gab Nachhilfe, um mein Flugticket zu finanzieren“, erklärt er lachend. Und so kam Koffi dann 1968 mit dem Flugzeug.

In Wetter-Wengern fühlt Koffi sich wohl. Das Ehrenamt ist seine große Leidenschaft. Der Senior gerät regelrecht ins Schwelgen, wenn er von seinen verschiedenen Tätigkeiten erzählt. „Es macht mir Spaß mit anderen Leuten in Kontakt zu treten.“ So begründet er seine große Freude an den Aufgaben. Als Mitglied im Roten Kreuz hilft er bei der Anmeldung für die Blutspende, sitzt im Beirat der Stadt und kümmert sich in seiner Position besonders um die Belange der Senioren.

Sein zweites Zuhause in Deutschland ist Herdecke, dort hat er 21 Jahre gelebt und ist in Herdecke-Ende als festes Mitglied der Gemeinde nicht mehr wegzudenken. In der evangelischen Kirche geht der 68-Jährige Christ auf. Als Baukirchmeister steckt er sein Herzblut in die, auf ihn übertragenen, Aufgaben im Presbyterium. „Als ich wegzog, habe ich extra einen Antrag gestellt, weiterhin ein Teil dieser Kirchengemeinde bleiben zu dürfen, da sich mit dem Umzug auch die Zugehörigkeit wechselt,“ betont er nachdenklich.

Trotz des vollen Zeitplans, findet Koffi immer noch Zeit seinen Hobbys nachzugehen. „Ich gehe gerne schwimmen, in die Sauna und ins Fitnessstudio, ein bisschen was für den Körper tun“, sagt er und lacht laut auf. 40 Jahre in Deutschland sind nicht spurlos an Koffi vorbei gegangen.

Kein Zurück in den Togo

Für immer zurück in den Togo? Das möchte er nicht. „Ich kenne dort keinen Arzt in den Krankenhäusern und habe dort auch keine Krankenversicherung.” Dem 68-Jährigen Rentner sind die Vorzüge von Deutschland bewusst. Absicherung im hohen Alter ist ihm genauso wichtig, wie vielen anderen auch.

Koffi regt sich über Straßenlaternen auf, die während des Tages brennen und beschwert sich über klemmende Türen von öffentlichen Toiletten. Seinen Unmut tut er telefonisch kund. So kommt es ab und an vor, dass seine alten Arbeitskollegen im Rathaus über die Missstände der Stadt aufgeklärt werden, wenn er von einem seiner Streifzüge durch den Ort zurückkommt. Man kennt ihn in Wetter-Wengern.

Koffi Ametefe Ahiaba ist durch und durch integriert. Er hat die Eigenschaften der ortsansässigen Bevölkerung adaptiert und wenn man seinen Charakter beschreiben würde, könnte man meinen, er sei der Stereotyp des deutschen Rentners, nur mit einer Prise mehr Witz und mehr Farbe.

"Das gibt mir neuen Spirit"

„Natürlich habe ich noch Kontakt zu meiner Familie im Togo.“ Koffi rutscht auf dem Stuhl hin und her und nimmt die Brille gedankenverloren ab. In diesem Moment ist er ganz in seiner Heimat. Ein ungewohntes Bild, da er sonst sein Strahlen kaum ablegt. Noch im November verbrachte er sechs Wochen bei seinen Verwandten in Tsévié. Der letzte Besuch liegt fünf Jahre zurück. Diese Abstände will er jetzt in seinem wohlverdienten Ruhestand verkürzen, um die Verbindung zwischen Heimat und Zuhause zu stärken.

Eins ist für Koffi klar, er wird sich immer als Togolese fühlen, auch wenn er zugibt, dass ihm die deutschen Eigenschaften nicht abzusprechen sind. „Ich brauche die Reise in den Togo. Das gibt mir neue Kraft und neuen Spirit“, sagt er und lehnt sich mit einem Glänzen in den Augen zurück in seinen Stuhl. Der 68-Jährige weiß genau, welch bewegtes Leben er hatte und ist damit mehr als zufrieden. So ausgeglichen und mit einer inneren Zufriedenheit berichtet er von seinen Erlebnissen.

Auf die Frage, was er am meisten in Deutschland vermisst, antwortet er mit einem herzhaften Lachen: “Die Sonne!”

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