„Harvey": Nur Bruchteil der Schäden versichert
Pegelstände sinken
In Houston werden allmählich die Schäden der Flutkatastrophe sichtbar. „Harvey“ könnte zum teuersten Naturereignis in der US-Geschichte werden. In Texas und Louisiana ist nur ein geringfügiger Teil der Milliarden-Schäden versichert. Wie viele Menschen ums Leben kamen, ist aber noch immer unklar.

Der Tropensturm "Harvey" zog über Texas und benachbarte Bundesstaaten. In weiten Teilen hinterließ er überschwemmte Straßen, zerstörte Häuser und verzweifelte Menschen.
In der von Tropensturm „Harvey“ überfluteten US-Stadt Houston suchen Helfer nach weiteren möglichen Opfern. Wie der Sender CBS berichtete, klopften Rettungsteams am Donnerstag (Ortszeit) an Zehntausende Wohnungstüren auf der Suche nach Menschen, die sich noch im Hochwassergebiet befinden. Die Pegelstände nach den schweren Überschwemmungen sinken langsam, das Ausmaß der Zerstörung wird fast eine Woche nach Eintreffen des Sturms sichtbar.
Die Behörden erwarten, dass das Wasser bis Freitagabend oder Samstag aus den meisten Teilen Houstons und dem Bezirk Harris County zurückgegangen sein wird. 100 000 Häuser in den Überflutungsgebieten um die Millionenmetropole Houston und in weiteren Gegenden von Texas und Louisiana seien beschädigt worden, teilte das Weiße Haus mit. Die Behörden befürchteten viele Tote - wie viele, ist noch unklar. CBS meldete unter Berufung auf die Behörden des Bezirks Harris County 25 Tote, in anderen Berichten war von bis zu 39 Opfern die Rede.
Nur geringer Teil der Schäden ist versichert
US-Präsident Donald Trump ließ ankündigen, er wolle aus seinem Privatvermögen eine Million Dollar für die Flutopfer spenden. Die Schäden sollen nach ungenauen Schätzungen in mehrstelliger Milliardenhöhe liegen, von denen allerdings nur ein kleiner Teil versichert sein dürfte. Trump wolle sich am Samstag erneut ein Bild von der Lage machen, kündigte Vizepräsident Mike Pence an, der am Donnerstag im Hochwassergebiet war.
First responders have been doing heroic work. Their courage & devotion has saved countless lives – they represent the very best of America! pic.twitter.com/I0gvCQLTKO
— Donald J. Trump (@realDonaldTrump)
Das Analysehaus Corelogic schätzte am Freitag, dass etwa 70 Prozent der durch Überschwemmungen entstandenen Schäden in den US-Bundesstaaten Texas und Louisiana nicht durch eine Versicherung gedeckt sind. Die Höhe der Schäden insgesamt bezifferten die Analysten auf 25 bis 37 Milliarden US-Dollar. Versichert seien lediglich 6,5 bis 9,5 Milliarden Dollar, der überwiegende Teil davon über den staatlichen Versicherungsschutz NFIP.
Wie die „Washington Post“ am Freitag meldete, könnte die Regierung knapp 6 Milliarden Dollar (5 Milliarden Euro) an ersten Hilfsgeldern für die Katastrophenschutzbehörde Fema und Notfallkredite für Kleinunternehmen freigeben. Das Weiße Haus und der Kongress seien darüber im Gespräch. Die 6 Milliarden wären nach dem Bericht nur ein erster Teil eines großen Hilfspaketes.
So wütete Tropensturm "Harvey" in den USA
Rekord-Regenfälle bringen Bundesstaaten in Schwierigkeiten
Am Donnerstag hatten mehrere kleinere Explosionen in einer Chemieanlage in der Nähe von Houston für Aufregung gesorgt. Mehrere Polizisten wurden mit Atemwegsreizungen vorübergehend im Krankenhaus behandelt. Es gebe jedoch keine Hinweise auf gesundheitliche Auswirkungen auf die Bevölkerung. Um die Anlage wurde eine Sicherheitszone von rund 2,5 Kilometern gezogen. Die französische Betreiberfirma Arkema teilte mit, es könne zu weiteren Bränden oder Explosionen der dort gelagerten organischen Peroxide kommen.
„Harvey“ war am frühen Samstagmorgen erstmals in Texas auf Land getroffen. Binnen weniger Tage fielen in dem Staat mancherorts bis zu 1250 Liter Regen pro Quadratmeter - ein Rekord für das Festland der USA. Zahlreiche Flüsse, darunter der Colorado, traten über die Ufer. Das US-Hurrikan-Zentrum stufte „Harvey“ inzwischen zu einem tropischen Tiefdruckgebiet herunter. Am Donnerstag zog es östlich durch Louisiana. Auch dort gab es Überschwemmungen, doch die Lage war weit weniger dramatisch als in Texas. Auch Mississippi, Tennessee und Kentucky rüsteten sich für mögliche Überschwemmungen.
USA nach Tropensturm in Benzin-Krise
In Texas blieb die Lage angespannt. Die Städte Beaumont und Port Arthur kämpften mit Überschwemmungen - hier waren innerhalb von 24 Stunden 660 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Nach Angaben der Behörden brach in Beaumont die Trinkwasserversorgung zusammen, nachdem die zentrale Pumpanlage dem Druck eines angeschwollenen Flusses nachgegeben hatte. Die Versorgung könne erst wieder hergestellt werden, wenn der Wasserspiegel sinke. In vielen Teilen von Texas wuchs wegen der riesigen Mengen an stehendem Wasser die Furcht vor einer Moskito-Plage.
Nach "Harvey": Was der Tropensturm zurücklässt
Die Benzinpreise in den USA stiegen, in Texas gab es an mehreren Tankstellen gar keinen Kraftstoff mehr. Auch eine wichtige Pipeline zur Versorgung der bevölkerungsreichen Ostküste musste vorübergehend außer Betrieb genommen werden. Mehrere Raffinerien stehen still. Der Gouverneur des Bundesstaats North Carolina rief einen Notstand aus. Dieser hebe Verkehrsregeln auf, damit dringend benötigter Kraftstoff schneller durch den Bundesstaat transportiert werden könne, teilte Gouverneur Roy Cooper mit.
Große Unterstützung nach teuerster Naturkatastrophe der Geschichte
Zahlreiche US-Stars werben für Spenden zugunsten der Opfer des Tropensturms - unter anderem bekundeten Schauspieler wie Sandra Bullock, Leonardo DiCaprio, Kevin Hart und Amy Schumer sowie Sängerin Beyoncé ihre Hilfsbereitschaft. Popstar Miley Cyrus kündigte in der Sendung von Ellen DeGeneres an, 500 000 US-Dollar für die Katastrophenhilfe in Houston zu geben.
„Harvey“ könnte nach ersten Schätzungen zur teuersten Naturkatastrophe in der Geschichte der USA werden. Der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, hatte bereits am Mittwoch erklärt, er erwarte alleine Kosten für die Nothilfe der Bundesregierung von weit mehr als 100 Milliarden Dollar.
von dpa