Wir erleben eine Krisenzeit, die Vergleiche zur Vergangenheit provoziert. Aus diesem Anlass blicken wir zurück ins Jahr 1945 und schlagen das Tagebuch des Schreckens (Teil 3 - März) auf.

Haltern

, 03.03.2021, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schwere Bombardements legen im März 1945 Teile der Stadt Haltern in Schutt und Asche. Die Menschen kämpfen jeden Tag ums Überleben. Die Amerikaner stehen vor den Toren der Stadt.

40 Jahre später ordnete Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Kriegsende anlässlich einer Gedenkfeier im Deutschen Bundestag am 8. Mai 1985 historisch ein. Dieser Tag sei kein Tag der Niederlage, sondern ein „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ gewesen.

Lehren aus dem Krieg

Sich nicht in Feindschaft und Hass hineintreiben lassen

Eine Rede von Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 ist noch immer aktuell. Er schloss sie mit den Worten: „Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren. Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder gegen Türken, gegen Alternative oder gegen Konservative, gegen Schwarz oder gegen Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander. Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben. Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit. Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“

2. März: Ein Volltreffer zerstört das Stellwerk am Annaberg.

4. März: Zu den bereits erfolgten Kürzungen der Lebensmittelrationen durch Verlängerung der Lebensmittelkarten treten ab heute folgende Kürzungen: 1000 Gramm Roggenbrot für Kinder von drei bis zehn Jahren, 250 Gramm Nährmittel und 125 Gramm Fett bei allen Versorgungsberechtigten (Anmerk. der Redaktion: pro Woche).

9. März: Heute wurde erneut ein schwerer Angriff auf Haltern durchgeführt und zwar auf das Gebiet um den Adolf-Hitler-Platz (heute Kardinal Graf von Galen-Platz). Der Platz ist von Bomben regelrecht durchwühlt. Die Haus- und Sachschäden sind die bisher schwersten. An öffentlichen Gebäuden wurden ganz zerstört beziehungsweise beschädigt: die Rektoratsschule, das Museum und die Sparkasse. Dechant Grüter gibt bekannt, dass die Bevölkerung von der Pflicht des sonntäglichen Kirchenbesuchs befreit ist.

15. März: Heute fielen erneut Bomben auf Haltern. Neue schwere Schäden. Seit dem Angriff am 9. März gibt es kein Gas mehr, da auch das Gaswerk beschädigt ist. An vielen Stellen versagt auch das elektrische Licht.

17. März: Die Stadt liegt nach dem ersten Voralarm wie tot da, Geschäfte und Büros sind geschlossen. Die Milchlieferung setzt ganz aus.

Aufräumarbeiten im Stadtgebiet nach dem Krieg

Aufräumarbeiten im Stadtgebiet nach dem Krieg © Archiv Halterner Zeitung

21. und 22. März: Die beiden Tage werden für alle, die sie erlebt haben, als die schwersten in der Heimatgeschichte der Neuzeit unvergessen bleiben. Es wird 3.30 Uhr, die Sirene heult auf, Vollalarm. - Wie oft hat man es nicht gehört: „Achtung! Ida-Paula! Die Bomberverbände nehmen Richtung auf Haltern.“ Aus nordöstlicher Richtung wird ein kleiner Verband sichtbar. Er kommt näher.

Da schlägt´s auf einmal ein - 2,3,4 8 Schläge. Dann wird´s wieder ruhig. Entwarnung. Der erste Teil der Römerstraße hat es wieder einmal bekommen. Keine Toten, keine Verletzten. - Da wieder Vollalarm. Man hat im Krankenhaus gerade wieder die Kranken aus dem Keller nach oben gebracht. Nun geht´s wieder hinunter in den Bunker.

Die Hölle geht los. Das sind keine Sprengbomben. Ein Wissender ruft: „Brandbomben.“ Sie haben sich in den weichen Boden gebohrt und man sieht giftige Phosphorschwaden aus den Löchern dringen. Nun drängen weitere schreckensbleiche Menschen in den Bunker. Die Panik ist da.

Wenn jetzt eine Sprengbombe fällt, werden mehr Menschen zertreten als durch Splitter getötet. Polizeioberleutnant Retzki zieht seinen Revolver und droht mit Erschießen. Dechant Grüter erteilt die Gerneralabsolution. Der gesamte östliche Stadtteil brennt.

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DER KRIEG UND SEINE SCHRECKEN WAREN NOCH LANGE PRÄSENT

Die ersten Monate des Jahres 1945 waren für die meisten Halterner ein Kampf ums nackte Überleben. Heinrich Albers, Redakteur der Halterner Zeitung, erinnerte in einer Serie 1950/51 an die Tage des Schreckens. Der Krieg war lange vorbei, aber immer noch präsent. Das lag zum Beispiel daran, dass man in Haltern fünf Jahre nach der Stunde Null noch immer auf sieben Kriegsgefangene wartete und das Schicksal von 290 vermissten Soldaten und zwölf Zivilpersonen aus der Stadt weiterhin ungeklärt war. Durch den Bombenkrieg waren in Haltern 146 Häuser zerstört, 162 schwer und 842 leicht beschädigt worden.

Am nächsten Tag nähern sich drei Fliegerverbände der Stadt. Nun haben sie ihr Ziel gefasst, zahlreiche Bomben lösen sich und rasen hinunter. Nun dröhnt der Boden, Staubwolken brechen auf, bilden Kegel und fallen zusammen. Dann wird das Stadtbild wieder klar. In der Stadt stehen die Menschen fassungslos an den Straßen und schauen in die Trümmer.

An der Rekumer Straße sind einige Häuser schwer getroffen, das historische Rathaus und das Hotel Lemloh (heute Ratsstuben) haben Volltreffer bekommen. Auch das Haus Bilkenroth steht nicht mehr, soeben holt man Franz Bilkenroth blutend aus den Trümmern hervor.

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Im Hof des Hauses Hütter schlug eine Bombe seitlich gegen einen Röhrenbunker, der durch Betondecken verstärkt war. Vor einem Jahr galt er noch als sicher, in der letzten Zeit traute man ihm nur noch Splitterschutz zu - Männer schaufeln die Eingänge frei. Der Bunker ist in der Mitte zusammengedrückt. Wer dort gesessen hat, kann nicht mehr leben.

Nach schwerer Arbeit werden die Toten geborgen. Elf Menschen haben ihr Leben verloren. Die genaue Anzahl der Toten an diesen beiden Schicksalstagen in Haltern wird sich nie ermitteln lassen.

Amerikanische Truppen an der Muttergottesstiege

Amerikanische Truppen an der Muttergottesstiege © Archiv Halterner Zeitung

23. März: Nach den schweren Tagen wartet die Bevölkerung auf die Erlösung, so oder so. Heute Nachmittag erlebte der Sundern, unser herrlicher Stadtwald, einen verheerenden Bombenhagel. Es gab zahlreiche Tote und Verwundete. Wie gehetzt rannten die Überlebenden durch den Wald, gejagt von Tieffliegern. Seit Tagen gibt es kein Brot, kein Fleisch und keine Butter. Die Versorgung ist wie abgeschnitten. Zu allem jetzt auch noch der Hunger.

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29. März: In der Nacht in den dämmerig-dunklen Morgenstunden rücken amerikanische Panzertruppen über die Weseler Straße in Haltern ein. Zwangsarbeiter stehen an den Straßen und grüßen ihre Befreier. Die Bevölkerung hält sich verborgen.

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