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Der Bahnstreik nervt - ist aber gerade jetzt wichtig
Meinung
„Muss man denn wirklich in einer Pandemie streiken“, werden sich einige Dortmunder Zug-Pendler am Mittwoch gefragt haben. Ja, muss man, meint unser Autor. Am besten nicht nur bei der Bahn.
Verhältnismäßig plötzlich hat die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) am Mittwoch (11.8.) mit einem Streik für den Ausfall von rund drei Vierteln aller Fernverkehrszüge gesorgt. An dem Streik gibt es naturgemäß Kritik. Interessanter wird die Debatte mit einem Blick auf seinen Zeitpunkt.
Die Frage steht im Raum, ob es sich ziemt, in einer Pandemie zu streiken. Sollte man nicht dankbar sein, einer Lohnarbeit nachgehen zu dürfen? Schließlich hat (nicht nur) die Bahn 2020 deutliche Einbußen gehabt.
Starke Gewerkschaften sind wichtig für alle
Diese Fragen sind falsch. Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen haben die Unternehmen durch die Krise getragen. In vielen Fällen auch durch persönlichen Verzicht. Sie müssen an deren wirtschaftlicher Erholung beteiligt werden, sobald diese beginnt. Das gilt in den „systemrelevanten Berufen“ (wo sich die Bahn durchaus zu zählen lässt) wie auch sonst überall.
Mit der GDL hat die Bahn eine Gewerkschaft, die als besonders protestfreudig gilt. Was sicher auch ihrem Machtkampf mit der Eisenbahner-Gewerkschaft EVG geschuldet ist. Grundsätzlich ist ihr Beispiel aber nachahmenswert. In vielen Branchen fehlen starke Gewerkschaften. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder sinkt laut dem DGB seit Jahrzehnten.
Das schadet Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen. Denn Gewerkschaften haben wichtige Aufgaben. Dankbarkeit gegenüber Arbeitgebern ist keine davon.
Geboren in Dortmund. Als Journalist gearbeitet in Köln, Hamburg und Brüssel - und jetzt wieder in Dortmund. Immer mit dem Ziel, Zusammenhänge verständlich zu machen, aus der Überzeugung heraus, dass die Welt nicht einfacher wird, wenn man sie einfacher darstellt.
