Pater Tobias aus Werne bezwingt den Oman-Ultra-Wüsten-Marathon. Er läuft 172 Kilometer an sechs Tagen durch die Hitze. Sein Antrieb sind sein Glaube an Gott und strahlende Kindergesichter.

von Andrea Wellerdiek

Werne, Cappenberg

, 05.12.2018, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Sonne glüht unermüdlich. Sie sorgt für eine fast unerträgliche Hitze, hier mitten in der Wüste. Wenn es eben geht, verzichtet man auf jegliche Anstrengung. Das gilt nicht für 105 Extremsportler, die den Ultra-Oman-Marathon bezwingen möchten. Einer von drei deutschen Teilnehmern ist Pater Tobias (55).

Der 55-Jährige nimmt an diesem außergewöhnlichen Wettkampf teil, der die Sportler 172 Kilometer durch den Sand und die Hitze treibt. Dabei hat er nur ein Ziel vor Augen: strahlende Kindergesichter. Denn Pater Tobias möchte nicht nur seine eigenen Grenzen austesten, sondern vor allem eins: Spenden sammeln für Kinder- und Jugendprojekte.

Beißende Temperaturen und beißende Tiere in der Wüste

Beißende Temperaturen, beißende Tiere und Sand soweit das Auge reicht. Einen besonders extremen Lauf hat sich Priester Andreas Breer, den alle nur Pater Tobias oder Marathon-Pater nennen, als neueste Herausforderung ausgesucht. Der Wettkampf „Oman Desert Marathon“ gilt als eines der härtesten Rennen der Welt. Entsprechend ausgiebig hat sich Pater Tobias, der gebürtig aus Werne-Langern und der gemeinsamen Kirchengemeinde Cappenberg stammt, vorbereitet.

Neun Marathons hat der Werner in diesem Jahr schon absolviert. Nicht nur die körperliche Fitness ist entscheidend. Beim Lauf in der Wüste ist vor allem mentale Stärke gefragt. Er schafft es und läuft nach insgesamt 31:24 Stunden erleichtert als 53. von 105 Teilnehmern ins Ziel. „Ich bin stolz, es überhaupt geschafft zu haben“, sagt Pater Tobias nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Erst einige Tage nach dem außergewöhnlichen Lauf bei Temperaturen von 40 bis 45 Grad wird ihm deutlich, welche (Grenz-)Erfahrung er dort gemacht hat.

Der 55-jährige gebürtige Werner knipst sich selbst in der Wüste. Vor allem die Dünen waren eine besondere Herausforderung für ihn.

Der 55-jährige gebürtige Werner knipst sich selbst in der Wüste. Vor allem die Dünen waren eine besondere Herausforderung für ihn. © Pater Tobias

Allein wie gefährlich dieser Lauf sein kann, zeigte sich Pater Tobias schon vor dem Startschuss. Die Veranstalter drückten ihm eine kleine Vakuumpumpe in die Hand. Darin ist ein Anti-Giftstoff gegen Schlangenbisse enthalten. Zum Glück kam die Pumpe weder bei ihm noch bei den anderen Teilnehmern zum Einsatz. Viele Schlangen, aber auch Skorpione oder Eidechsen kreuzten dennoch den Laufweg von Pater Tobias. Das gilt vor allem für den Nachtmarathon.

Dort installierten die Veranstalter im Abstand von einem Kilometer Scheinwerfer – es war die einzige Orientierung in der dunklen Wüste. „Vor allem unter dem Licht haben sich die Tiere aufgehalten. Da war viel Gewimmel. Ich habe da schon ein bisschen Angst und Sorge bekommen“, sagt Pater Tobias. Stundenlang lief er allein durch die Wüste und durch einen „wunderschönen Sternenhimmel, an dem man leicht den Mond sehen konnte“.

Viel Zeit zum Nachdenken beim Lauf durch die Wüste

In dieser Zeit kommt der 55-Jährige zum Nachdenken. Über sich selbst, über Gott und die Welt, über anstehende Projekte oder die Arbeit. Seine Ideen hält er manchmal auf einem Diktiergerät fest. Der Nachtmarathon, der den gebürtigen Werner über weite Strecken allein durch die Wüste führte, bildete die fünfte von insgesamt sechs Etappen.

Während die erste Etappe von 25 Kilometern als „Eingewöhnungsphase“ diente, brachte die zweite Etappe über knapp 21 Kilometer Pater Tobias an seine Grenzen. Denn viele Dünen musste er da schon bezwingen. Nach dem Abschluss dieser Etappe hatte er Schmerzen in der Schulter. Der Rucksack war gefüllt mit acht Kilogramm Trockenessen. Die Sportler konnten es an bereitgestellten Boilern mit Wasser aufweichen lassen. 2500 Kalorien nahm Pater Tobias täglich zu sich, „um genügend Power zu haben“, wie er selbst sagt.

Weit und breit nur Sand: An sechs Tagen ging es für die Teilnehmer durch die Wüste in der Region Alsarqyah Sand in Wilayat Bidiyah.

Weit und breit nur Sand: An sechs Tagen ging es für die Teilnehmer durch die Wüste in der Region Alsarqyah Sand in Wilayat Bidiyah. © Pater Tobias

Das Essen hat er zuvor wochenlang in Deutschland auf Verträglichkeit getestet. In der Wüste konnte er sich zusätzlich an den Wasserstellen, die im Abstand von zehn Kilometern aufgebaut wurden, mit Flüssigkeit versorgen. Pater Tobias reichte das. Er habe seinen Wasservorrat gut getimt, erzählt er.

Einigen Mitstreitern ging es anders. Von den 105 Startern kamen 90 ins Ziel. Nicht alle schafften auch die mentale Belastung. Auf die konnten sie sich zuvor nicht vorbereiten. „Am Ende macht es der Kopf aus. Man wusste, was auf einen zukommt. Aber dass es so schwer werden würde, das hätte ich nicht gedacht. Ich habe mir vorher Videos von dem Rennen angeschaut. Erleben konnte ich es dann aber erst in der Wüste“, erzählt Pater Tobias.

Die Dünen wie Katzen hochklettern

Es sind Erlebnisse, die der Priester nie wieder vergessen wird. In schmerzvoller Erinnerung bleibt ihm die letzte Etappe am sechsten Tag des Ultramarathons. Nach fünf Stunden Schlaf nach dem Nachtmarathon starteten die Sportler auf die Zielgerade, auf die letzte Etappe, die gleich noch einmal 20 Kilometer lang war.

„Die Veranstalter haben gesagt: Jetzt geht es nur noch Berg runter zum Arabischen Meer. Da kommt euch ein frischer Wind entgegen. Das war auch so. Aber runter hieß auch, dass erst sieben fette Dünen mit 300 bis 400 Metern Höhenunterschied bezwungen werden mussten“, erzählt er. „Da sind wir dann wie Katzen hochgelaufen. Der Sand lässt ja immer ein bisschen nach, wenn man die Düne hochläuft.“

Nur mühsam kam Pater Tobias hier weiter. Nach drei bis vier Metern musste er eine kleine Pause von zwei Minuten einlegen und dann weitergehen. Auf der siebten Düne dann, gab es endlich eine Wasserstation. „Jetzt haben sie es geschafft. Es geht nur noch bergab“, hieß es da von den Organisatoren. „Da gab es zwar noch ein paar Anstiege, aber das war halb so wild, wobei ich die letzten zwei bis drei Kilometer nur noch zu Fuß runter gegangen bin“, erzählt Pater Tobias.

Im Ziel, nach 172 Kilometern in sechs Tagen, begrüßten ihn die Veranstalter freudestrahlend. „Da sind mir auch die Tränen gekommen. All den Schmerz hat man von sich gelassen und man hat sich gefreut, dass man angekommen ist.“

Nach 31:24 Stunden kommt Pater Tobias erleichtert im Ziel an.

Nach 31:24 Stunden kommt Pater Tobias erleichtert im Ziel an. © Mark Lloyd/Oman Desert Marathon

Ans Aufhören hat Pater Tobias, der nur eine kleine Blase am Fuß bekommen hat, nie gedacht. Er lief einfach weiter und weiter und weiter. Sein Glaube hilft ihm dabei. „Ich habe mich immer wieder an den lieben Gott gewandt: Bitte unterstütze mich und gib mir Power. Ich habe das Vater Unser gebetet. Ich habe oft gebetet. Der Körper ist gebrochen, es ging nichts mehr. Trotzdem hat man die Kraft wieder bekommen. Ich hatte ein großes Gottvertrauen. Ich wurde von Engeln getragen. So etwas habe ich vorher noch nie gespürt. Die Menschen sind immer wieder auf der Suche nach Gott. Und ich habe es in der Wüste auch wieder erfahren.“

„Ich wurde von Engeln getragen. “
pater tobias

Aber auch das Ziel, das er verfolgt, lässt ihn durchhalten. „Immer wieder habe ich die strahlenden Kinderaugen gesehen. Das hat mich immer wieder motiviert.“ Seit etwa sieben Jahren nutzt Pater Tobias extreme Läufe wie den „Oman Desert Marathon“, um über Sponsoren und Spenden Gelder für Kinder- und Jugendprojekte zu sammeln.

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Pater Tobias beim Wüstenrennen im Oman

Pater Tobias nahm am Wüsten-Ultra-Marathon teil. Der 55-jährige Werner lief 172 Kilometer an sechs Tagen durch Hitze und Sand im Oman. Er geht dabei nicht nur an seine eigenen Grenzen, sondern verfolgt ein Ziel: Spenden für bedürftige Kinder zu sammeln.
05.12.2018

„Man hält nicht nur die Hand auf, sondern man tut auch etwas dafür. Eine Anstrengung wird eher honoriert. Man muss neue Ideen haben, um Geld zu akquirieren. Durch Sport geht das immer“, sagt Pater Tobias. Jährlich hat der Geistliche so schon 85.000 Euro für arme Kinder gesammelt.

So hat er schon sein nächstes Ziel vor Augen: drei Extremläufe in drei verschiedenen Ländern an drei Tagen. So läuft er und läuft und läuft. Nur für ein Ziel: Die Kinder sollen so strahlen wie die Sonne in der Wüste.

Stolzer Finisher: Pater Tobias zeigt seine Medaille und den Schal des Sultans.

Stolzer Finisher: Pater Tobias zeigt seine Medaille und den Schal des Sultans. © Andrea Wellerdiek

Pater Tobias läuft seit etwa zehn Jahren. Gleich zu Beginn hat der gebürtige Werner sich für einen Marathon angemeldet. „Danach habe ich gesagt: nie wieder!“, erzählt der 55-Jährige. Aber schon einen Tag später hat er sich für den nächsten Marathon angemeldet. Schnell entwickelte sich die Idee, mit der öffentlichkeitswirksamen Teilnahme an verschiedenen Wettkämpfen Spenden zu sammeln. Immer extremer wurden die Läufe und höher die Spendengelder. Im Zuge des Wüstenrennens im Oman hat Pater Tobias bislang schon mehr als 18.000 Euro gesammelt. Der Werner Andreas Breer gehört als Pater Tobias der Prämonstratenser-Abtei in Duisburg-Hamborn an. Er ist Pastor der Gemeinde Herz Jesu in Duisburg-Neumühl und Geschäftsführer des Projektes „LebensWert“, das er 2007 selbst initiiert hat. Er coacht außerdem Führungskräfte und hält Vorträge. Spenden sind möglich unter dem Stichwort „Wüstenmarathon“ an das Projekt LebensWert, Konto: Bank im Bistum Essen, BIC: GENODED1BBE und IBAN: DE34360602950010766036.